Die Rache der Freaks

Teil 1 der Kurzfilmnacht Look&Roll im NO-LIMITS-Festivalfoyer

In einem Krankenhauszimmer liegt ein Mädchen, das mit seinem starken Zahnüberbiss nicht eben dem gängigen Schönheitsideal entspricht, neben ihrem Bett steht ein Rollstuhl. Plötzlich öffnet sich die Tür, herein kommt ihr Lieblingssänger: „Hey Babe, geht es dir nicht gut? Hier bin ich, denn meine Fans sind das Allerwichtigste für mich!“ Der Prototyp des aalglatten Popstarbubis packt die Gitarre aus, stimmt einen schnulztriefenden Popsong an und lässt sie wissen, ihre Seele sei wunderschön, denn sowas könne er sofort erkennen. Doch die Rettung vor dem Kitschtod ist prompt zur Stelle: ein Freund, ebenfalls mit deutlicher Behinderung, stürmt das Zimmer, verpasst dem Widerling einen kräftigen Schlag, sie stülpt ihm eine Plastiktüte über den Kopf und ab geht’s mit ihrem Opfer aus dem Krankenhaus.

Man kann gar nicht anders, als sich prächtig zu amüsieren – doch Hilfe, ist das jetzt noch politisch korrekt, ist das nicht gewaltverherrlichend? Nein, diese herrlich wilde Parodie eines Gangster-Road-Movies ist so unterhaltsam, Figuren und Dialoge so sympathisch und überraschend unkonventionell, dass über diesen persönlichen Rachefeldzug der „Freaks“ gegen die mediengehypten „Normalos“ ruhig gelacht werden darf: „Pulp Fiction“ zeitgemäß reloaded.

„Outcasts“ von Ian Clark aus Großbritannien (hier ein Ausschnitt) ist einer der elf internationalen Kurzfilme, die gestern bei der Filmnacht Look&Roll als best of des gleichnamigen Schweizer Filmfestivals gezeigt wurden. Auch deutlich ruhigere Beiträge sind dabei, zum Beispiel der bezaubernd verspielte „Klangschatten“ aus Norwegen, der davon erzählt, wie eine junge blinde Frau die Welt wahrnimmt.

Alex Oberholzer, Mitglied der Auswahlkommission, kommentiert die Auswahl aus sechs Jahren Festivalgeschichte: „Wirklich gute Filme zum Thema Behinderung sind dünn gesät. Am Anfang mussten wir selbst Kurzfilmfestivals auf der ganzen Welt abklappern, um das Programm zusammenzukriegen, inzwischen bekommen wir zum Glück genug Einsendungen.“

Oberholzer ist mit einer Behinderung zur Welt gekommen und arbeitet jetzt schon seit vielen Jahren als Filmkritiker. Als er mitbekam, dass die Behindertenselbsthilfe Procap ein Filmfestival organisiert, „da musste ich eingreifen, denn ich konnte mit dieser Organisation früher nicht viel anfangen, und dafür liebe ich Film zu sehr, um zuzulassen, dass die dort ein schlechtes Programm machen! Zum Glück widerspricht es jetzt aber allen Klischees.“

Für das entführte Popsternchen geht es übrigens glimpflich aus: Die Gang lässt ihn frei, nachdem Ashley sich in einem Hotel davon überzeugt hat, dass der Mann ihrer Träume in echt leider doch eher enttäuscht. Er hat es ja nicht einmal geschafft, den Fernseher in echter Rockstarmanier aus dem Fenster zu schmeißen! Die Filme selbst sind aber trotzdem alle echter Look’n’Roll.