Großstadtmärchen

Morgen und übermorgen zeigen Das Helmi und Theater RambaZamba ihr gemeinsames Projekt „Berlin Alexanderplatz“ im Ballhaus Ost

 

 © Gesche Beyer

„Entschuldigung? Können Sie mir sagen, wo ich lang muss?“ Vorsichtig tippe ich der fremden Frau auf die Schulter, aber sie hört nicht, so sehr ist sie darin vertieft, eine Hauswand mit bunter Farbe zu bepinseln. Da hier nirgends ein Straßenschild zu sehen ist, laufe ich einfach weiter – bis ich auf ein windschiefes Häuschen stoße, aus dem eine Hexe im Flatterrock grimmig hinausgestürmt kommt.

Im Ballhaus Ost zeigen das internationale Puppentheater Das Helmi und Theater RambaZamba am Samstag und Sonntag ihr gemeinsames Projekt „Berlin Alexanderplatz“. Bis zum Wochenende wird hier eine ganze Stadt aus dem Boden gestampft. Bei den Aufbauarbeiten sind nirgends Kräne zu entdecken, kein Vorschlaghammer-Geknatter dröhnt in meinen Ohren – und trotzdem ragen schon etliche Häuser in die Höhe. Sie sind aus Pappe gebastelt und mit Tusche liebevoll bemalt.

Wird hier nun ein verträumtes, märchenhaftes Dörfchen zum Leben erweckt? Oder doch eine lärmende Großstadt? Und werden wir die Figuren aus Alfred Döblins berühmtem Roman von 1929 antreffen, der doch schließlich das Projekt inspiriert hat?

Sara Hess © Gesche Beyer

„Wer weiß –vielleicht wird Franz Biberkopf uns in der Pappstadt als Geist begegnen!“, sagt Solène Garnier von Das Helmi und bricht in schallendes Gelächter aus. Sie leitet die Produktion an und ist für die Musik zuständig. „Nein, wir wollen nicht den Roman nacherzählen. Es geht uns auch nicht darum, dem Publikum ein fertiges Produkt vorzusetzen, das dann so tot wirkt wie eine Leiche. Wir wollen vor allem mit dem Thema Großstadt experimentieren.“ Sie erzählt, dass die Schauspieler vom RambaZamba keine Döblin-Figuren verkörpern, sondern selber Puppen gebastelt und sich für eine Rolle entschieden haben, die sie in der imaginären Stadt einnehmen wollen.

„Ich habe vor allem zwölf lustige Menschen kennen gelernt, mit denen ich sehr gut zusammenarbeiten kann!“, sagt Garnier über die Schauspieler des Theater RambaZamba. „Die behinderten Künstler treten in unserer Produktion nicht bloß als Statisten auf“, betont sie.

Die Pappstadt wird dem Publikum nicht einfach auf einer Bühne präsentiert. Jeder Zuschauer kann die surreale Welt als Tourist besuchen – auch mit Fotoapparat und selbstgebastelter Puppe. Dann will sie noch „ein bisschen Blödsinn erzählen“, damit die Besucher des Festivals auch wirklich neugierig werden: „Willkommen bei das Helmi! Bei uns geht es um Spaß! Wir zerstören die bürgerliche Ideologie! Futter für die Behinderten brauchen Sie nicht mitzubringen!“