Harmonische Differenz

Die Schlussdiskussion des „Neoprofis“- Symposiums im Kleisthaus

Fast wäre alles ganz schnell gegangen, so einig waren sich die vier: Nein, nein, nein, nein.
„Na, dann können wir ja schließen, und die vom Theater können dafür schon früher anfangen!“, verkündet Gisela Höhne fröhlich.

Nicht nur die Leiterin des RambaZamba-Theaters scheint bei der Abschlussdiskussion erleichtert, auch beim Rest des Podiums ist die Stimmung jetzt fast ausgelassen. Nach all den Stunden detailgenauer theoretischer Auseinandersetzung in Vorträgen und Gesprächsrunden muss jetzt nur noch eine Frage beantwortet werden: Ist Theater mit behinderten Darstellern eine eigene Kunstform? „Das ist doch mal ein dezidierter Auftrag“, merkt Moderator Prof. Gerd Koch in seiner angenehmen, leicht ironischen und zugleich erfrischend zupackenden Art an, die dem Gespräch so gut tut, „das sollte zu machen sein.“

Der Grund für die Einstimmigkeit in der Runde: wäre Theater mit Behinderten eine eigene Kunstform, würde es sich damit selbst als Nischentheater definieren, vom Rest des Theaterbetriebs abgrenzen – Inklusion ade also, das kann ja keiner wollen! „Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater“, betont deshalb auch Festivalchef Andreas Meder, und die Radiojournalistin Mielke stimmt zu: „Den Begriff ‚Behindertentheater‘ mag ich auch sowieso gar nicht!“

Ganz so einträchtig und harmonisch geht es dann aber zum Glück doch nicht weiter. Stattdessen entsteht eine Kontroverse über Differenz und Angleichung, die auch viel mehr der bisherigen Vielschichtigkeit der Diskussionen entspricht: Wie sehr dürfen, wollen, sollen wir uns unterscheiden? An Veit Sprengers Äußerung vom Vortag „Wir sind alle behindert“ wird heute jedenfalls kein gutes Haar mehr gelassen: „sowas leugnet einfach jede Differenz, sentimentaler Kitsch!“

Auch aus dem Publikum kommt nun der Einwand, in der Diskussion sei zwischen Wunschdenken und Realität oft nicht genug unterschieden worden: „Im Moment wird Behindertentheater in der Gesellschaft sehr wohl noch als eigene Kunstform begriffen, auch wenn das Ziel natürlich sein sollte, dass es anders wird.“

Einerseits Teil der ‚regulären‘ Kunstszene werden zu wollen, zugleich aber von speziellen Fördergeldern zu profitieren, empfindet eine Zuschauerin sogar als unehrlich, doch Höhne stellt klar: „Bei der Theaterförderung sind wir gleichberechtigt. Wir kriegen genauso wenig wie alle!“

Mit zwei Zitaten von Kleist (immerhin der Namenspatron des Veranstaltungsortes) beendet Koch dann poetisch die Debatte: „Das Schöne gehört jedem, der es empfinden kann“ und „Durch eine schöne Anstrengung wird man mit sich selbst bekannt“.

Da schaltet sich noch schnell Antje Grabenhorst ein, die Pressesprecherin des Festivals: „Ja, aber die ’normalen‘ Theater müsste man vielleicht zu dieser Anstrengung zwingen! Von den Theatern, die mit Behinderten arbeiten, könnten sie dann nämlich viel lernen, vor allem: Menschen sind per se solidarische Menschen – das mache ich hiermit zum Motto des Festivals!“ Applaus, dann kommt die Nachfrage: „Aha, und wer hält das fest, wo können wir das lesen?“ Grabenhorst: „Na, im Blog!“

Na gut, dann schreiben wir zum Schluss also ausnahmsweise mal, was andere uns sagen. Aber nur, weil die Diskussion so schön harmonisch kontrovers war.