Heute: Wahnsinn

Heute: Wahnsinn

Herbert Fritschs Hochschul-Produktion „Ibsen, die Sau“ im RambaZamba-Theater

Schon beim Betreten des Theaterraums laufen die 16 Darsteller auf der Bühne herum, wärmen sich auf, stöhnen, rufen Hallo und spucken allerlei Laute aus. Ihre Gebärden verwandeln sich in krampfhafte, ruckartige, verstörte Bewegungen. Gemeinsam stampfen sie Richtung Wand, hämmern gegen sie und schreien im Chor: „Ibsen, die Sau“ – der Titel des Stücks. Es entstand während eines Workshops mit Herbert Fritsch. Diesen Workshop-Charakter merkt man dem Abend an: Ein energetischer Workshop, eine Menge Körperarbeit, aber auch die klassischen Theaterübungen sind identifizierbar.

In der ersten Szene unterhalten sich lautstark zwei Männer. Der eine verharrt hölzern in einer Position, der andere wedelt scheinbar unkontrolliert um sich herum. „Fast alle Menschen sind krank, leider“ – „Und welche Form von Therapie wendest du bei ihm an?“ – „Die übliche; das ihm seine Lebenslüge erhalten bleibt“. Es stellt wohl den damals vorherrschenden Begriff von Wahnsinn dar, überzeichnet und in einer abstoßenden Komik skizziert. Sie streiten weiter über die Begriffe „Ideale“ und „Lüge“.

„Ibsen, die Sau“ © Michael Bause

Nach einer losen Aneinanderreihung verschiedener Akte aus Ibsens Werken bildet sich nach und nach ein Mosaik. Ohne Ausnahme verlässt während der zwei Stunden kein Darsteller die Bühne. Erst bewegen sie sich gemeinsam versucht synchron oder sich folgend, bis sie sich voneinander lösen. Ein Teil bleibt an der Hinterwand beobachtend kleben, andere führen das Stück fort. Es schildert die Geschichte(n) von Damen und Herren, die sich begehren, abweisen und zu verführen versuchen. Rollen werden doppelt belegt oder Darsteller ändern auf der Bühne ihre Figur. Dialoge wiederholen sich und variieren dabei – ein Beziehungstumult.

„Ibsen, die Sau“ © Michael Bause

Abweisend sagt ihm eine Dame, „Ich denke, dass wir zwei gute Kammeraden waren. Sie waren so offenherzig“. Sein Stichwort zur Entblößung ist gefallen. Er fragt seine Geliebte: „War es nicht ein klein bisschen Liebe?“ Sie verneint und er bewaffnet sich mit seinem Penis, der sein Maschinengewehr wird. Die männlichen Schauspieler ergreifen ihn und prügeln auf ihn ein, während sich die Frauen gemeinsam vor ihnen aufreihen und im Sopran ein seichtes Heimatlied anstimmen. Die Körper befreien sich auch im weiteren Verlauf vom auf ihnen lastenden Stoff. Und das Thema Sexualität gewinnt an Bedeutung, sei es mit S/M-Andeutungen, Promiskuität oder Dreiecksbeziehungen. Eine Dame, die es bei ihrem Ehemann nicht mehr aushielt, erklärt einer Domina auf dem Sofa, sie sei von ihm weggerannt. Sie liebt einen anderen Mann, der mit dieser Domina ebenfalls eine Beziehung führt. Die brave Dame weiß davon natürlich nichts.

Eine andere ruft: „Ich bin eine emanzipierte Frau, kein Sexobjekt, du blöder Penismensch!“ Dass in dem Stück die Frau nur als Objekt dargestellt würde, ist bei diesen teilweise nymphomanen Frauen schier ausgeschlossen. Und doch bleiben sie ihren Geschlechtsrastern treu: die geschminkte Dame mit wedelndem Rock und Schmollmund, der maskuline Herr im patriarchalen System.

Tatsächlich ist Ibsen wohl einer der frühesten Feministen, dessen Protagonistinnen sich aus den verengten Rastern hinauskämpfen und mit ihnen brechen. Auch die Darsteller heute rufen einmal: „Ich muss hier raus“, alle schreien gemeinsam und ergreifen die Flucht. Dieses Stück strotzt vor Energie und Stärke, aber schwächelt daran, keine Subtilität, nichts Feinmaschiges zu bergen. Viele Witze sind berechenbar. Die Lippen heben sich nicht zum Lächeln, sondern reißen weit auf zum Gähnen.