"Ich glaube nicht mehr wirklich an Integration"

Der Musiker Rayess Bek über seine Erfahrungen, durch Kunst zu vermitteln

Noureddine Ben Radjeb,  Radio Multikulti,
und Rayess Bek (rechts) © Janina Henkes

Wael Koudaih, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Rayess Bek, ist der wohl bekannteste Rapper in arabischer Sprache. Der Libanese begann in den 90er Jahren, Songtexte auf Arabisch zu schreiben und tut dies bis heute auch in Englisch und Französisch erfolgreich. 2006 bat ihn die UNO für das Projekt „Difference is normal“ einen Song zum Thema Behinderung zu produzieren. Am Wochenende nahm er im Berliner Haus der Kulturen der Welt an einem Workshop teil. Dort sprach ich mit ihm und Noureddine Ben Redjeb vom Radio des HKW über seine Arbeit und das Thema Behinderung.

Was war dein Beweggrund in Arabisch zu rappen?
Während des Krieges im Libanon wuchs ich in Frankreich auf. Als ich zurückging, fand ich ein vollkommen zerstörtes Land auf. Beirut baute sich gerade neu auf. Es war schwierig, sich wieder in die libanesische Kultur zu integrieren. Erst schrieb ich Poesie, dann begann ich Raptexte.

Integration ist also wichtig für dich?
Ich glaube nicht mehr wirklich an Integration. Ich dachte, wir müssten uns in eine Gesellschaft integrieren, aber die Dinge haben sich geändert. Heute ist eine Gesellschaft eine Gruppe verschiedener Menschen, die nicht in eine Form gegossen werden muss.

Was sind deine Hauptthemen?
Ich behandle politische Themen und die Regierungen. Aber ich mag ebenfalls den sozialen Bereich. Zum Beispiel die Rolle der Frau in der arabischen Welt. Oder eben das Leben von Menschen mit Behinderung. Ich denke, mit Hip Hop ist es möglich Bewusstsein zu schaffen.

Wie ist es zu deinem Lied über Menschen mit Behinderungen gekommen?
Die UNO hat mich gebeten, zu dieser Thematik ein Lied zu komponieren. Sie wollten ein Bewusstsein für die Situation der Menschen schaffen, die in der Gesellschaft beiseitegelegt werden. Wir wollen die Menschen über den Umgang mit ihnen informieren, nicht ein Mitleidgefühl stärken oder ein Schamgefühl – was häufig geschieht. Der Song heißt „Difference is normal“ und will nicht den Menschen diktieren, sie müssten den Leuten helfen, sondern rät: Verhaltet euch einfach „normal“. Keine Ausgrenzung, sondern ein gegenseitiges Verstehen! Wir nahmen den Song auf und sollten dann 2006 ein Video zu dem Song machen. Als wir mitten in der Produktion steckten, brach in Libanon Krieg aus und das Projekt wurde zunächst auf Eis gelegt, da wir natürlich alle auf der Flucht waren. Als wir die Aufnahmen fortsetzten, thematisierten wir auch körperliche Behinderungen, die durch Kriegsverletzungen bedingt sind.

Gibt es in der arabischen Welt Festivals, die mit No Limits vergleichbar sind?
Es gibt Verbände, die tolle Projekte durchführen. Aber im künstlerischen Bereich wäre es eine große Herausforderung. Es benötigt finanzielle Unterstützung. In der arabischen Welt ist es in dieser Hinsicht für jeden schwierig und nicht vergleichbar mit den westlichen Ländern. Menschen hungern. Würde stellt sich dort in einer anderen Form dar.

Der Titel des UNO Projektes und des Songs „Difference is normal“ ist bemerkenswert. Ist er als eine Anregung dahingehend zu verstehen, unsere engmaschigen Standards zu überdenken?
Dieses Thema ist kontrovers. Wir müssen erst definieren: Was ist Normalität? Es kann für mich etwas anderes bedeuten als für dich. Jeder kann darunter etwas anderes verstehen. Wenn du anders agierst, als die Haltung zum „Normalen“ eines anderen, bist du anders. Wo also liegt die Grenze zwischen normal und anormal?

1 Kommentar

  1. Anonymous · 17. November 2011

    nice work thanks