Ist’s ein Traum, ist’s Wirklichkeit?

Ist’s ein Traum, ist’s Wirklichkeit?

Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Theater Thikwa

Verzweifelt steht er da und stiert ins Leere. „Oh Nein! Oh Nein! Oh meine Thisbe! So sterb ich denn, so, so! Nun bin ich tot, tot, tot!“ Dabei zückt Zettel sein Schwert und rammt es sich in die Brust. Nun ja, eigentlich steckt er es sich nur unter die Achsel, das Spiel soll nicht allzu echt wirken, schließlich will er sein Publikum – Herzog Theseus und seine Gemahlin sowie die frisch vermählten Hochzeitspaare – nicht zu sehr verschrecken. Deshalb springt er auch wieder auf, sobald er sich sterbend zu Boden geworfen hat, und versichert seinen Zuschauern händeringend und stotternd, dass er wirklich nur gespielt habe. „Das war alles nur Theater, das war alles nur ein Spiel!“

Der von den Toten wiederauferstandene Handwerker spielt Pyramus, der im Theater Thikwa wiederum von Torsten Holzapfel gespielt wird.

In Anke Rauthmanns Inszenierung vom „Sommernachtstraum“, Shakespeares meistgespieltem Stück, ist vor allem das Schlussspektakel der Handwerker ein Coup. Shakespeares Spiel im Spiel geht auf, wunderbar arglos und improvisatorisch spielen die vermeintlichen Handwerker eine vermeintliche Wand, einen Mond, einen Löwen und Thisbe (bemerkenswert: Christian Wollert im blauen Prinzessinenkleid). Das Publikum kreischt vor Vergnügen, klatscht dann aber nur sehr verhalten, schließlich ist die ‚eigentliche‘ Aufführung noch im Gange – und man will sich ja nicht einmischen in das Spiel im Spiel.

Was ist Wirklichkeit? Wo ist sie auf der Bühne zu finden? Gibt es sie überhaupt? So sind die Fragen die Shakespeares Stück aufwirft und die auch in dieser Aufführung verhandelt werden. So mag es Absicht sein, dass die Sterbeszene des Pyramus – das Spiel im Spiel also – bewegender und glaubwürdiger erscheint als die Verwirrung der Liebenden im Elfenwald und der Zwist zwischen dem Elfenkönig Oberon und seiner Gemahlin Titania.

Mag sein, dass die Künstlichkeit des Elfenwaldes absichtlich herausgestrichen wird, Baumstümpfe auf einer ansonsten leeren Bühne. Auf einem weißen Vorhang, der die Bühnenwände verhüllt, tanzen Farbflecken, vom Scheinwerfer nacheinander in grünes, violettes und blaues Licht getaucht. Aber ein Spiel mit der Wirklichkeit auf der Bühne kann vielschichtiger sein. So kann beispielsweise der Eindruck von Authentizität vermittelt werden, bloß um sich in der nächsten Szene bereits wieder als Illusion zu entpuppen. Aber in der Aufführung des Thikwa-Ensembles fehlen die Brüche, die überraschenden Wendungen.

Das einzig wirklich beeindruckende Element im Bühnenbild ist eine hohe Leiter, die von den Handwerksleuten aufgestellt und dann in das Spiel im Zauberwald eingegliedert wird – eine Verbindung zwischen Handwerker-Wirklichkeit und verrücktem Zauberland. Puck schwingt auf dieser Leiter herum und nimmt die Wirklichkeit freudig in seinen Besitz.

Im „Sommernachtstraum“ lässt sich der Wald als Raum begreifen, in dem Traum und Wirklichkeit aufeinanderprallen und sich gegenseitig auflösen. Durch die Auflösung dieser Dichotomie entsteht eine neue Ordnung (oder Unordnung). Ein Ort also, an dem sich wilde Phantasien austoben, wo plötzlich alles möglich scheint. Er sollte auf der Bühne zum Leben erweckt und glaubhaft gemacht werden. Ein naturalistisches Bühnenbild ist dafür nicht nötig. Unabdingbar aber ist ein lebendiges Spiel, das die leibliche Präsenz der Zuschauer im Raum ausnutzt, um ihnen unter die Haut zu fahren.
Die Liebenden im „Sommernachtstraum“ © Michael Bause

Die vier Darsteller der verwirrten Liebenden sind hochkonzentriert und sichtbar freudig bei der Sache. Sie tragen das kreative Potenzial für ein solch lebendiges Spiel spürbar in sich. Nur sind sie allzu angestrengt darum bemüht, ihren Leib als bloßes Zeichen für ihre Rolle einzusetzen. „Oh Lysander! Nur eine Nacht und schon verlässt du mich?“, klagt beispielsweise Hermia. Ihr offensichtliches Rezitieren des Textes ruft Heiterkeit hervor. „Du… Zicke!“, erwidert Lysander. Heiterkeit im Publikum – ist das nun wohlfeile Ironie oder unfreiwillige Komik? Auch die Bewegungen der Schauspieler wirken oft so, als stünde jemand hinter ihnen und flüstere ihnen genaue Anweisungen ins Ohr.

Der Puck – gespielt von Heidi Bruck – tanzt derweil als zarte Elfe auf der Bühne herum, deren Sätze sich allesamt in einem hohen, spitzen Kichern verlaufen. Vom sprühenden, anarchischen Witz des Kobolds ist nicht viel zu spüren. Puck als übermütiger Schelm bleibt auf der Strecke, er wird erdrückt von der Künstlichkeit des allzu vorhersehbaren Spiels.

Kurz: Ist das enorme Potential des Thikwa-Ensembles auch mit den Händen zu greifen, schlägt es doch zu selten Funken. Am Ende klatschen die Zuschauer nicht mehr verhalten, sondern begeistert, denn sie wissen: Jetzt ist das Spiel wirklich zu Ende, nicht bloß das Spiel im Spiel. Schade nur, dass die Inszenierung daran keinen Zweifel lässt.