Kein Höllenkanon hilft

Zweiter Tag des „Prinzip Struwwelpeter“: Der „Daumenlutscher“ setzt sich durch

„Der Daumenlutscher“

Doktor Schneider sitzt mit riesiger Arztbrille auf der Nase auf einem Schemel und schleift seine Schere zum Takt der Jahrmarktsmusik. Nach langer Zeit haben er und die verklemmte Schwester Helga endlich wieder einen Fall in die Praxis bekommen, doch „hoffentlich kein Suppenkasper, hoffentlich kein fliegender Robert, hoffentlich keine Pauline“. Damit haben sie Glück – doch bei der Untersuchung des neuen Patienten, der im geblümten Gewand auf einem Stuhl sitzt und den Daumen nicht aus dem Mund bekommt, wird sofort klar: Das kann nur ein typischer „daumius lutschius“ sein.
Am zweiten Abend des „Prinzip Struwwelpeter“ skizzieren drei Theatergruppen verschiedene Struwwelpetergeschichten. Neben Das Helmi mit ihrer Geschichte zum „Hans Guck-in-die-Luft“ und Berman, Depri und Dörr mit dem „Zappelphilipp“ skizzieren die Schauspieler des Mezzanin Theater und KumEina den „Daumenlutscher“ mit Witz und Humor.

 

Überspitzt und satirisch schneiden sie die Horror-Story zu: Schwester Helga und Doktor Schneider versuchen zunächst ihren Patienten mit Psychotherapie zu kurieren: „Wer Daumen lutscht, kommt in die Hölle / kriegt keine Kinder mehr / muss operiert werden“, singen die beiden im Kanon. Den Daumenlutscher allerdings kann nichts beeindrucken: Ungerührt saugt er genüsslich weiter.

Als letztendlich nur noch eine Amputation in Frage kommt, wendet sich das Blatt: Der Daumenlutscher stiehlt die desinfizierten Operationswerkzeuge, veralbert damit Doktor und Schwester und schafft es, ohne Operation die Praxis zu verlassen. Mit scharfen, klaren Bildern und Szenen zeichnen die Darsteller einen Eindruck vom Daumenlutscher, wie wir ihn noch nicht gesehen haben: Nicht als Opfer, sondern als Täter, der seine Schwäche verteidigt und es schließlich auch schafft, sich durchzusetzen.

Bezeichnend für diese Theaterskizze ist vor allem das grandiose Zusammenspiel der drei Akteure. Voraussetzung dafür ist, dass behinderte und nicht-behinderte Darsteller auf einer Augenhöhe spielen, ergo Behinderte nicht in die Behindertenrollen gedrängt werden. So wie hier, wo behinderte und nicht-behinderte Darsteller in befreiender Natürlichkeit zusammenkommen. Nach vielen gut gemeinten, aber doch eher gezwungen wirkenden Stücken ist das enorm erfrischend.

Mehr zum „Prinzip Struwwelpeter“? Juli Zucker schrieb bereits über den Suppenkaspar, Julia Dettke über den bösen Friedrich.