Kühlschränke, Eier, Sex

Kühlschränke, Eier, Sex

Gleich zwei Mal bei NO LIMITS: Das Theater Stap & Kaaiman mit „Poppemie“ und „Geen wonder dat ik ween“

Fünf Mädchen, die sich leicht bekleidet vor das Publikum stellen, wollüstig ihre Bauchnabel umkreisen und lautstark stöhnend Orgasmen vortäuschen. Sie reißen ihre Köpfe nach hinten und reiben an ihren Bäuchen, als würden sie explodieren. Keinen einzigen Meter vom Publikum entfernt stehen die Fünf in engen Leggins und mit durchsichtigen Blusen. Was sie damit zeigen wollen? Lust auf Sex, Begierde und Nähe. Was das soll? Keine Ahnung. Wie man es nennt? „Poppemie“.

„Poppemie“ © Juli Zucker

Mit dem Stück „Poppemie“ tritt das Theater Strap & Kaaiman im Ballhaus Ost auf. Auf der Bühne: Kühlschränke, ein paar Schauspieler, Eier. Und Sex. Das Stück erzählt von dem Wunsch zu gebären. Während die einen es schaffen, haufenweise Kinder zu gebären – die einen freiwillig, die anderen missmutig – schafft nur eine es nicht – das Mädchen in lilanen Leggins, das vorher am lautesten schrie: Ich will ein Kind mit Pieter haben. Anstatt Spielpuppen entbindet sie unter Schmerzensschreien nur Blumenkohl, und zwar ziemlich viel davon. Am Ende, während sie eine Palme im Kinderwagen über die Bühne schiebt, erfahren die frischen Eltern dann doch von den Leiden und langen Nächten der Neugeborenen und sind gar nicht mehr so froh.

Weil ihnen Sex so gut gefällt, hat das Theaterensemble auch eine vollkommen willkürliche Sexszene in ihr zweites Stück, mit dem sie beim No Limits vertreten ist, eingebaut: „Geen Wonder dat ik ween“ [Kein Wunder, dass ich weine]. Wo zunächst Menschen in Holzkisten auf der Bühne rumsitzen, sich zeitweise anschreien oder um Verzeihung bitten, eskaliert die Situation später unter schranziger Musik: Ein junger Mann setzt sich eine Hirschmaske auf und nimmt eine Darstellerin von hinten. Wo man vorher das Gefühl hatte, die Schauspieler werden nicht wach in ihren Holzkisten und taumeln nur so vor sich hin, ist man jetzt nicht mal mehr verstört, denn was dem zuvor kam, war: eine Hundeshow, bei der zwei hörige Menschen die Befehle ausführten, die ihnen von ihren Schauspielkollegen gegeben wurden, eine schreiende Schauspielerin am Boden, die weint und sich hin- und her wälzt, und ein paar Lacher des Publikums über einen jungen Mann, der sich die Hose runterziehen lässt. Die Lacher braucht das Publikum auch – um wach zu werden, denn eine Taste zum Vorspulen, die man sich ziemlich oft gewünscht hat, gibt es nicht. Das Stück wirkte zeitweise wie willkürlich zusammengeschnittene Szenen ohne jeglichen roten Faden.

„Geen wonder dat ik ween“ © Juli Zucker

In „Poppemie“ war der sexuelle Akt – in jeglichem Sinne – wenigstens noch sinnvoll für die Entwicklung der Handlung, wenn auch durch ewig wiederkehrende Sexszenen in Kühlschränken, die am Rande der Bühne aufgestellt wurden, zu sehr betont. Was bei diesem Stück fehlt ist der in der Vorschau angekündigte Konflikt: Ist ein so komplexes und schwerwiegendes Themengebiet wie das einer Schauspielerin bzw. Frau – egal, ob mit oder ohne Down-Syndrom –, die keine Kinder bekommen kann, nicht Grund genug, um sich vollends darauf zu konzentrieren? Scheinbar nicht. Stattdessen stolzieren ein paar schöne Mädchen auf der Bühne hin- und her, werden später geschwängert und dann auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Kinder kriegen ist nicht mehr so schön, wenn sie anfangen zu schreien. Schade, dass der Schwerpunkt hier falsch gesetzt wurde. Viel mehr hätte es hier um die Grenzen der Andersartigkeit gehen müssen, die nur durch lächerliche Gesten wie Pflanzen als Ersatzkind, das geliebt und liebkost wird, ersetzt wurden. Am Ende sind alle Charaktere des Stückes enttäuscht.

„Poppemie“ © Juli Zucker

In „Geen wonder“ allerdings hatte die Sexszene weder Sinn noch Hoffnung auf Besserung des Stückverlaufs. Sie war nicht mal mehr verstörend – Sex sind wir aus den Medien mittlerweile ja gewohnt –, sondern nur noch abturnend. Was vorher nicht interessant war – und was kann daran interessant sein, wenn sich ein paar Menschen auf einer Bühne von der einen zur anderen Holzkiste hangeln, Pflanzen sammeln oder banale Hundeshows aufführen –, war nicht mal mehr schön anzusehen. Wichtig an einer Sexszene im Theater sollte sein, dass sie etwas zu sagen hat und aufrichtig ist; Sexszenen pauschal zu verurteilen ist hirnrissig und hilft niemandem weiter.

Wenn man sich allerdings für eine Szene dieser Art entscheidet, sollte sie wenigstens nicht nur deswegen in das Stück gesetzt worden sein, um andersartig oder wagemutig zu wirken, sondern weil sie uns etwas sagen will. Was uns die Vergewaltigungsszene in „Geen wonder“ sagen will, ist ziemlich schwer zu interpretieren. Wenn Theater schon kein Statement abgibt, dann soll es ja wenigstens schön aussehen, oder? Wir wollen ja kein Theater, das nicht weh tut. Aber wenn man den Rest, sei es die Story – wie in „Poppemie“ – oder szenengerechte musikalische Begleitung – wie in „Geen wonder“ – schon hinbekommt, wäre es doch schön, wenn man einfach mal über Sex hinwegkommt.

Mehr zu „Geen wonder dat ik ween“? Auch Paula Birnbaum hat über den Abend geschrieben.