Ohne Augen sieht man besser

Ohne Augen sieht man besser

„Spuren der Seele“ des Teatro La Ribalta / Theatraki im Ballhaus Ost

Noch während das Publikum eintritt, putzt eine Dame mit Wischmob den Bühnenboden. Was wischt sie da? Womöglich sind es die Überbleibsel der vorherigen Geschöpfe. Schnell weg mit den Spuren!

Mit den „Spuren der Seele“, wie das Stück des südtiroler Teatro La Ribalta / Theatraki heißt. Es greift die Euthanasie behinderter Menschen während der Nazizeit auf. Auch während des Stückes wischt sie immer wieder jene Spuren weg, die die Figuren mit Behinderung auf den Boden zeichnen.

Zu Beginn halten uns die Darsteller Spiegel vors Gesicht, damit wir uns selber noch einmal ansehen. Und Melanie, die im Rollstuhl sitzt, endet mit einem Gedicht Erich Frieds: „Ihr schaut nicht / genau genug hin / wenn ihr in diesen blauen / oder braunen / oder auch grauen Augen / nicht / einen Augenblick lang / euer eigene / Spiegelbild seht.“ Denn sehen, das wissen wir spätestens seit Michael Endes „Momo“, hat nicht nur mit der Dioptrienzahl unserer Augen zu tun. Und eine Spur ist nicht mit einem Schwamm wegwischbar.

„Fühlt euch wie zu Hause, hier seid ihr daheim. Wenn ihr etwas braucht, zögert nicht zu fragen. Wir sind eure Sklaven, euch zu Diensten“, leitet Melanie ein. Dann hüpft und tänzelt die hübsche Erzählerin auf die andere Seite der Bühne, um einen Tisch aufzustellen. Schnell wird klar, welcher Dualismus in der kommenden Stunde hier thematisiert wird: die Begrifflichkeiten und unser Verständnis von schön und hässlich. Fit und gebrechlich. Behindert und gesund.

Hitlers und Hoches fatale Milchmädchenrechnung
aus „Spuren der Seele“ © Janina Henkes

Zwei „Normale“ in weißen Kitteln werden vorgestellt. Die Dame ist Krankenschwester: „Mein Leben war Hingabe und Aufopferung. … Dafür muss ich heute leiden“. Das zweite Exemplar ist der berühmte Professor Alfred Hoche, der uns „gesund, schön und stark“ will. Im Jahr 1920 erscheint sein Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

Es geht um eine ethische Fragestellung über lebens(un)wertes Leben. Der Herr Professor Doktor wird zum Nazifunktionär, der maßgeblich an der Entwicklung der Euthanasie zu jener Zeit beteiligt ist. Er schreibt einen Textauszug aus Hitlers „Mein Kampf“ an die Tafel, den Melanie verliest. Dieser Text glaubt zu benennen, warum die großen Kulturen der Vergangenheit zugrunde gingen und was nun zur Erhaltung der Rasse maßgeblich sei: Der Schwächere „verdient das Leben nicht“.

Bald setzt er fragend wieder ein: „Ihr wisst, wie viele Kranke heute auf Kosten des Staates leben? 215.000 Verblödete. 8.300 Taube und Blinde. 20.600 Missgeburten. 766 Reichmark kostet ein Idiot im Jahr, ein Blinder oder Tauber 615 Reichsmark, eine Missgeburt nur 600 Reichsmark.“

Das Stück nennt viele Begriffe des frühen 20. Jahrhunderts, die Bestrebungen der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ dokumentieren. Zwischendurch kommt es aber durchaus zu kleineren Tanzeinlagen der behinderten Schauspieler und sinnlicher, gar rührender Musik. Es ist ein enormes Aufeinanderprallen: Hier die faschistische Ideologie, dort ein lebensbejahendes Miteinander – hier Verachtung, dort Respekt.

Das Publikum im Spiegel
in „Spuren der Seele“ © Janina Henkes

Zum Ende hin werden alle Darsteller mit Behinderung in eine Art Vernichtungslagerkluft gezwängt. Sie liegen auf dem Boden, ihre Fotos werden schließlich über ihnen verbrannt. Rauch steigt aus der Nebelmaschine. Und nun beginnt wieder Hoche zu reden; augenscheinlich zur eigenen Verteidigung vor Gericht: „Der Erlass hatte Gesetzeskraft. Ich bin Staatsbeamter mit 43-jähriger Dienstzeit gewesen. Ich musste als Staatsbeamter den jeweiligen Anordnungen unbedingt Folge leisten, also auch dem als Gesetz zu betrachtenden Erlass betreffend Euthanasie“. Es ist seine Verteidigung, seine Rechtfertigung, oder noch viel mehr: seine Selbstbeweihräucherung.

Dieses Stück ist keine reine Geschichtsstunde, sondern stellt durchaus Verbindungen mit heutigen Begebenheiten her. Die Erzählerin berichtet von den Maßstäben, die als normativ fixiert werden und wehe dem, der es wagt, sich diesen zu entziehen! Tatsächlich ist eine Debatte um aktive Euthanasie seit vergangenem Jahr wieder lauter geworden. Denn wenn doch jemand weiß, er könne dement werden, wieso sollte er dann noch leben wollen?

Die Pränataldiagnostik hat sich durchgesetzt, denn immerhin besteht laut Wikipedia das durchschnittliche Basisrisiko von circa drei Prozent, ein Kind mit Behinderung zu bekommen. Im vergangenen Jahr wurden Kinder eingeschult, die ein T-Shirt für den ersten Schultag erhielten mit der Aufschrift „Abi 2020“. Und im akademischen Umfeld ist es für Studierende durchaus üblich, konzentrationssteigernde Mittel wie Ritalin für Klausuren zu konsumieren. Wer nicht mithalten kann, wird schnell aussortiert aus einer Leistungsgesellschaft, die für solche Wesen keinen Platz bietet. Und dann kommen auch noch die Ausländer, die uns die Arbeit stehlen. Und wahrscheinlich auch noch unsere Kultur?!