Schrauben am Lebenslicht

In der Reihe „Das Prinzip Strwuwwelpeter“ machen Monster Truck den „Suppenkaspar“ erlebbar

Monster Truck in Aktion

Laute Musik mit dröhnenden Bässen eröffnet das Stück. Dann plötzlich: Stille. Zwei Mädchen, die Arme auf die Knie gestützt. 36 Glühbirnen hängen halbhoch von der Decke. Das erste Mädchen springt auf das zweite. Unter Ächzen und Stöhnen schrauben sie die Glühbirnen ab – eine nach der anderen.
Die Perfomancegruppe „Monster Truck“ verstehen sich als Kollektiv und inszenieren am No Limits die zweite Geschichte des Struwwelpeter-Projekts: den Suppenkaspar.

„Nur noch vier Glühbirnen!“, stöhnt jemand aus dem Publikum. Es wird unruhig. Die Mädchen nähern sich der letzten Glühbirne, das Publikum klatscht und kann sich nicht zwischen Ja- und Nein-Rufen entscheiden. Man weiß nicht genau, wo das Ganze hin will, was es sein will. Man wartet auf irgendeine Art von Handlung, wie es sie in der Inszenierung vom „bösen Friedrich“ gab. Man wartet auf Antworten statt auf Fragen. Dann: Die letzte Glühbirne wird abgeschraubt. Kurz: Dunkelheit. Bühnenlicht, wieder dröhnende Bässe: „And Now You Do What They Told Ya“. Die Mädchen winken dem Publikum mit einer Geste, die sagt: Folgt uns. Zögerlich folgen wir den Schauspielerinnen. Zumindest einige von uns, denn über die Feuerleiter kommen Rollstuhlfahrer nur schlecht – behindertengerecht ist das nicht.

Unten angekommen sehen wir jemanden, der schaufelt. Wir dürfen mitmachen, reißen uns um die Schneeschippe und werfen Erde in eine Mülltonne. Jeder will mal an die Schaufel, alle sind wir nur auf Schaufel und Mülltonne fixiert. Und darauf, dass wir plötzlich auch mitspielen können. Dass wir nicht nur starr auf unseren unbequemen Stühlen sitzen und uns etwas vorführen lassen. Doch das Blatt wendet sich: Wir selbst werden vorgeführt. Wir stehen draußen im Kalten, die Schauspielerinnen winken noch kurz und sind dann verschwunden. Uns wird klar: Wir schippten das Grab des Suppenkaspers. Grab? Die paar Blumen sollen ein Grab sein?

Am Ende fällt der Groschen: Die Glühbirnen als Lebenslicht des Kaspers, das schwächer wird, später ganz ausgeht. Wir als Mithelfende, die unruhig wurden, die das Verlöschen des (Lebens-)Lichts ungeduldig anfeuerten. Die wir uns gefreut haben, als eine der Glühbirnen durchbrannte. Wir, die wir in der Kälte standen, uns um die Schneeschippe stritten und so Teil einer Inszenierung wurden, die uns mitriss, aber später alleine dastehen ließ, mit einer Schippe in der Hand. Ein paar Momente später schauen wir den Schauspielerinnen fragend hinterher, folgen ihnen, aber nichts: Sie sind weg. Wir stehen an der Straße und überlegen uns: Was jetzt?
Mehr zum „Struwwelpeter“? Julia Dettke schrieb über die 1. Episode vom bösen Friedrich