Sprengen erwünscht

Yvonne Schmidt

Wenn am Freitag um 13 Uhr das Symposium „Die Neoprofis – Darsteller heute am Beispiel des behinderten Schauspielers, Performers, Tänzers“ im Berliner Kleisthaus beginnt, dann liegt das auch am Engagement von Yvonne Schmidt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule der Künste hat das Symposium organisiert und konzipiert. Dass aus der geplanten Kurzbefragung ein anderthalbstündiges Gespräch wird, liegt an der Begeisterung und Neugier, mit der sie die Veranstaltung geplant hat. Mein stärkster Eindruck danach: Das wird ja alles noch viel spannender, als ich dachte!

Der Umgang mit Behinderten in den Medien und der Öffentlichkeit ist oft von großer Unsicherheit geprägt, gerade auch sprachlich – um bloß nichts „politisch Unkorrektes“ zu sagen, meiden einige das Thema lieber ganz. Wie gehen Sie damit auf dem Symposium um? Gibt es eine Art „Sprachknigge“, oder sollte man sich gar nicht so viele Gedanken darüber machen? 
Ich finde es wichtig zu fragen, wie die betroffenen Leute sich selber nennen. Eine „Sprachknigge“ gibt es nicht und ich finde es eher schwierig, wenn dann in einer Diskussion beschlossen wird, dass man ab heute nicht mehr „behindert“ sagt, sondern „anders begabt“. Das Drumherumreden kann meinem Empfinden nach erst recht stigmatisierend sein. Wichtig ist auf jeden Fall, die Behinderung zu differenzieren: Es ist ja ein Unterschied, ob jemand blind ist, im Rollstuhl sitzt oder Down-Syndrom hat. Ich finde, man sollte so konkret und individuell wie möglich darüber sprechen. Gerade in Bezug auf Schauspieler wird es dann auf dem Symposium auch sehr spannend, sich zu fragen, wer eigentlich ein behinderter Darsteller ist: Ist er vielleicht behindert darin, eine reguläre Schauspielschule zu besuchen, oder darin, in seinem Beruf zu arbeiten?

Seit wann spielen behinderte Schauspieler im professionellen Theater eine Rolle?
Die wichtigsten Theatergruppen im deutschsprachigen Raum, wie Thikwa und RambaZamba in Berlin und Theater Hora in Zürich, sind alle ungefähr zeitgleich entstanden, Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, wobei natürlich trotzdem jede eine etwas andere Entstehungsgeschichte hat. In den letzten Jahren beobachte ich immer öfter, dass behinderte Darsteller für Produktionen an großen Theaterhäusern engagiert werden: Aktuell sind Luk Percevals Arbeit mit den „Eisenhans“-Darstellern am Thalia Theater Hamburg oder Sebastian Hartmanns Inszenierungen am Centraltheater Leipzig zu nennen und in Zürich entsteht gerade ein Projekt des Choreografen Jerome Bel mit geistig behinderten Darstellern des Hora-Ensembles.

Wann und wie sind Sie selbst darauf aufmerksam geworden?
Ich selbst kam ursprünglich nicht aus diesem Bereich, doch als ich meine Abschlussarbeit in Theaterwissenschaft zum Thema „Authentizität“ schrieb, habe ich mich stark mit dem Einsatz von nicht professionellen Darstellern auf der Bühne beschäftigt, wie zum Beispiel bei Rimini Protokoll mit den „Experten des Alltags“. Bei der Suche nach meinem Promotionsthema stieß ich auf die Arbeit mit behinderten Schauspielern, bin auf RambaZamba in Berlin aufmerksam geworden und habe mir in der Schweiz auf dem „Wildwuchs“-Festival in Basel und „Okkupation“ in Zürich viel angeschaut. Dabei war ich überwältigt, wie breit das Spektrum in diesem Theaterbereich ist und was für ein spannendes Feld es da gibt, mit dem sich in der Theaterwissenschaft noch keiner beschäftigt hat – die wenigen Beiträge, die es zu Theater mit behinderten Darstellern gibt, kamen aus der Pädagogik. Das hat mich dann so gefesselt, dass ich wirklich wissen wollte, wie dieses Theater funktioniert, deshalb habe ich dann auch als Regieassistentin bei einer Produktion in Basel mitgearbeitet.

Welche Chancen bietet diese Theaterform, welche Risiken? Gibt es thematisch und ästhetisch klare Tendenzen?
Insgesamt gibt es eine große Vielfalt und auch große Unterschiede zwischen den Ästhetiken. Trotzdem kann man sagen, dass in vielen Produktionen die Schauspieler selbst eine zentrale Rolle spielen und die Stücke oft auch thematisch mit ihnen zu tun haben, sich zum Beispiel mit Fragen von Identität und Anderssein beschäftigen. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele mit der Bearbeitung von richtigen Klassikern, wie zum Beispiel jetzt auf diesem Festival der „Sommernachtstraum“ vom Theater Thikwa. Tendenziell gehen aber viele Inszenierungen in Richtung Performance. Seit einiger Zeit gibt es in der Theaterszene generell den Trend hin zu der Arbeit mit Laiendarstellern, den „Experten des Alltags“, und zum Performancetheater, bei dem die Darsteller auch Ko-Autoren sind und ihre eigenen Biografien mit einbringen. Ich finde den Zusammenhang zwischen dieser aktuellen Entwicklung und dem Theater mit behinderten Darstellern sehr spannend: Eigentlich müsste dieses Interesse an Performanz und Authentizität ihm extrem entgegenkommen, es müsste richtig en vogue sein, schließlich praktizieren diese Gruppen all das schon viel länger! Allerdings sind die Laiendarsteller zum Beispiel bei Rimini Protokoll oft bloßes Material – die Anerkennung für die Arbeit bekommt der Regisseur, während die Figuren beliebig scheinen. Für mich ist eine zentrale Frage: Werden die behinderten Darsteller auf der Bühne als bloße Ready Mades verwendet? Dabei geht es um den Prozess der künstlerischen Aneignung: dass sie nicht nur die Farbe auf dem Pinsel des Künstlers sind, sondern auch selbst den Pinsel führen.

Worauf sind Sie beim Symposium am meisten gespannt?
Mich hat immer gestört, dass das Theater mit behinderten Darstellern nur isoliert vom Rest der Theaterszene betrachtet wird: Auf Veranstaltungen mit diesem Fokus findet man normalerweise keinen einzigen Theaterwissenschaftler. Insofern ist dieses Symposium für mich ein dreifaches Experiment: Erstens finde ich es sehr interessant, dass hier interdisziplinäre Leute zusammenkommen, also zum Beispiel Theaterwissenschaftler mit Heilpädagogen, Philosophen und Leuten aus den disability studies. Zweitens ist es auch schon etwas Besonderes, dass Theaterleute aus der Praxis mit Theoretikern des Fachs zusammenkommen, auch da kann die Verständigung schon heikel genug sein. Und drittens bin ich unglaublich gespannt auf das Gespräch zwischen Künstlern mit Behinderung und solchen, die nicht aus der Szene kommen, zum Beispiel der Schauspieler Bruno Cathomas. Es war mir sehr wichtig, dass auch behinderte Darsteller selbst auf dem Podium sitzen, und nicht dort wieder nur in Abwesenheit über sie geredet wird, zum Beispiel der Regisseur erklärt: Ich mache das soundso in meiner Arbeit mit ihnen. Oder zum Beispiel haben sich viele Leute furchtbar über Schlingensiefs Arbeit aufgeregt, ohne überhaupt mal die Behinderten selbst nach ihrer Einschätzung zu fragen. Das wird jetzt die größte Herausforderung dieser Veranstaltung, all diesen Ansprüchen zu genügen, es anders zu machen. Aber ich finde, man muss versuchen, dafür eine Form zu finden. Es ist auch durchaus erwünscht, dass das Symposium sich sprengt – wenn zum Beispiel der Thikwa-Schauspieler Wolfgang Fliege das Symposium sprengen würde, fände ich das wunderbar!