Strahlen wie ein Stern

Strahlen wie ein Stern

Auf der Suche nach dem Sinn: Gegenkritik zu „Weiberrevue XL“ Im RambaZamba

Auf der Suche nach Publikumsreaktionen laufe ich nach der viel beklatschten Aufführung von „Weiberrevue XL“ durch das Theater RambaZamba. Ich will die begeisterten Gesichter fotografieren. Aber die Atmosphäre stellt sich nicht ein. Noch ignoriere ich das. „Und wie fanden Sie es?“ – „Na, super“. Hmm, das kommt bei mir nicht an. Ich nehme es hin.

„Und, wie hat es Ihnen gefallen?“ – „Toll“, aber der Mann wirkt nicht ehrlich begeistert, genauso wie die Frau zuvor, genau wie die Atmosphäre hier. „Wirklich?“ – „Naja, es gibt die Hochkultur und die emotionale Kultur“, sagt er. „Und was war das?“ Er schaut mich überrascht an. „Na, emotional“.

Gefühlte 100 Gespräche dieser Art. Hmm. Ich frage weiter, hake nach. „Und wie hat es Ihnen gefallen?“, schnell füge ich hinzu: „Sie können gerne auch kritisch antworten, aber bitte ehrlich.“ – „Naja, etwas viel“. Aha.

„Und Sie?“ – „Ich fand es schlecht“. Endlich – keine falsche Rücksicht. „Und das sagen Sie hier so schnell und ehrlich?“ – „Ja, das Behindertentheater braucht harte Kritik …“ Ein längeres Gespräch entsteht – über die Themen, die das NO LIMITS Festival und deren Publikum natürlich auch beschäftigen: Was ist politisch korrekt? Muss man politisch korrekt sein? Ab wann ist man degradierend?

Und verdammt, der Mann hat Recht. Den ganzen Tag wurde auf dem „Neoprofis“-Symposium darüber gesprochen, aber richtig traut sich hier niemand, sofort ehrlich zu antworten. Wenn ich aber hartnäckig nachfrage, wird überwiegend Kritik geäußert. Und auch ich saß mit sehr wohlwollenden Augen in der Vorstellung. Meine beiden Freundinnen sind in der Pause gegangen und ich wäre das eventuell auch, hätte ich nicht das Publikum befragen wollen und wäre nicht der starke Wille da gewesen, es toll zu finden.

Die Revue handelt von einem Mädchen auf der Suche nach… Nach was eigentlich? Nach einem Mann? Die Handlung ist halbwegs untergegangen. Es wurden bekannte Lieder über die Liebe gesungen, getanzt, Liebesszenen gespielt, aber ein wirklicher Handlungszusammenhang war nicht zu finden. Klamauk in bunten Kostümen, eine sehr schief gesungene Seeräuber-Jenny. Das ist der Schauspielerin nicht zu verübeln – auch ausgebildete Schauspieler haben Probleme mit Gesang, aber bei ihnen wird dabei nicht wohlwollend gelächelt. Behinderte können tolle Schauspieler sein – heute Abend hat das leider nur Juliana Götz bewiesen, die wie ein Stern auf der Bühne srahlte.

Mitten während der Vorstellung ging die Regisseurin Gisela Höhne auf die Bühne, um die Mikros zu richten. Geht das nicht diskreter? Währenddessen benahmen sich etliche Zuschauer wie im Quatsch Comedy Club – und selbst da finde ich überzogen laute Kommentare zum Bühnengeschehen unangemessen.

Das Ensemble hatte Spaß an der Sache, das hat sich aufs Publikum übertragen. Leider gab es viel zu wenig leise Momente dazwischen. Wenn man mir das an der Komödie am Kurfürstendamm vorgesetzt hätte, wo diese Art von Revue wahrscheinlich laufen würde, wäre ich nach fünf Minuten gegangen. Auch Klamauk muss eine Handlung haben und will gekonnt sein. Einer der wenigen rührenden Momente hat uns ein Mädchen geschenkt, dass Marias Lied aus dem Musical „Linie 1“ gesungen hat: „Du bist schön auch wenn du weinst“. Das hatte Bezug, das hat gepasst und dementsprechend wirkte es ehrlich, berührend.

Ansonsten bedient die „Weiberrevue XL“ mit wenigen Ausnahmen die klassischen Vorurteile von Theater mit geistig Behinderten: Das Publikum hat zwar den ganzen Abend gejohlt, die Band hat gerockt und es war schon Stimmung im Laden. Aber professionelles Theater? Eher ein experimentelles Schultheaterstück.

5 Kommentare

  1. Anonymous · 12. November 2011

    Schade, wenn Menschen, die von Anfang an mit Mimik und Gestik zeigen, dass sie kein Interesse an der Vorstellung haben diese auch noch kommentieren dürfen. Da wundert es auch nicht, dass die Handlung nicht verstanden wurde

  2. Mareike · 12. November 2011

    Im Rahmen einer Prüfungsleistung habe ich verschiedene Interviews mit Theatern geführt die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten. Auf Grundlage dessen herrscht ein einstimmiges Bild darüber, dass AUCH diese Theater sehr bemüht darum sind, professionelles Theater zu sein. Dazu gehört eben auch eine polarisierende Kritik zu verkraften!

  3. Anonymous · 12. November 2011

    Ich persönlich fand befremdlich, dass die Autorin der Kritik explizit gefragt hat, ob es nicht etwas negatives zu sagen gibt…aber das ist mein ganz persönlicher Eindruck

  4. Anonymous · 13. November 2011

    Allerdings schreibt die Autorin, sie hätte das Publikum nur explizit nach Negativem gefragt, weil es anscheinend nicht wirklich begeistert wirkte. Meiner Meinung nach gehört das doch zu ehrlichem, fundierten Journalismus…

  5. Anonymous · 16. November 2011

    Mir ging es an diesem Abend genauso wie der Autorin. Wenn ein Behinderter irgendwie auf der Geige herumkratzt ist das genauso wenig genial, wie wenn das ein Nichtbehinderter tut. Nicht jede kreative Äußerung ist per se Kunst. Und wenn wir Inklusion behaupten, dann müssen wir doch auch von dem Klischee wegkommen, dass alles, was behinderte Menschen auf der Bühne tun, auf Grund ihrer Unverstelltheit und Direktheit (was auch ein Klischee ist) ein Ereignis ist. Ich hab mich gelangweilt, bei diesem putzig bunten Reigen dieser herzallerliebsten, netten Menschen, die alle „auch“ etwas können. Dieses „auch“ braucht es längst nicht mehr. Behinderte Künstler, oder „außerordentliche Performer“, wie jemand bei dem Symposium als Begriffsbezeichung treffend vorschlug, können viel mehr, als nur als Feel-Good-Protagonisten für ein politisches korrektes Publikum herzuhalten.P.S. Ich finde es sehr schön und wichtig, dass die Autorinnen dieses Blogs so direkt und ohne Korrektheitsbrille ihre Eindrücke schildern. Eine solche ehrliche und kritische Auseinandersetzung brauchen wir dringend. Weiter so!!!!!!!!!!!!!!!!! Behindertenbonus war gestern. Heute kann die Szene auch selbstbewusst Kritik vertragen. Der Rest der Kunstwelt muss das ja auch.