Südtiroler Temperament

Südtiroler Temperament

Heute Abend bei NO LIMITS: „Impronte dell’anima – Spuren der Seele“ von Theatraki / Teatro la Ribalta

„Der Boden ist kaputt, wie soll man denn da arbeiten?“, klagt Gisela und wechselt dann energisch vom Deutschen ins Italienische, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen: „Non va bene!“ Wartend sitzt sie neben ihren Schauspielkollegen am Bühnenrand: Eigentlich hätte die Probe bereits vor einer Stunde beginnen sollen, doch der Bühnenteppich war wellig und muss jetzt erst neu ausgerollt werden.

„Ein bisschen eng ist es hier auch“, beanstandet Gisela außerdem und versichert mir, die Bühne in ihrer italienischen Heimat sei weitaus größer und schöner. „Aber das stimmt doch gar nicht“, mischt sich quer durch den Raum die Schauspielerin und Theaterpädagogin Alexandra ein, deren Temperament dem ihrer Kollegin um nichts nachsteht: „Tja, sie ist eben Schauspielerin – glaub ihr also besser kein Wort!“ Beide lachen fröhlich, denn Gisela versteht Spaß und ist eher geschmeichelt als beleidigt.

Obwohl die Bühne jetzt wieder funktionsfähig wäre, wird die Probe kurzerhand auf den nächsten Tag verschoben, denn alle sind müde: Gestern sind sie erst spät in Berlin angekommen und heute schon den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen: „camminare, camminare, camminare!“

So kann ich von ihrem Stück „Spuren der Seele“ zwar noch nichts sehen, doch dafür haben wir Zeit, uns zu unterhalten: Mehrmals muss ich ihnen versichern, dass ich morgen auch wirklich zur Vorstellung komme – dafür aber „hoffentlich keine Kinder!“

Mit allzu jungem Publikum haben sie nämlich erst vor kurzem schlechte Erfahrungen gemacht: eine Schulklasse hat sie ausgelacht. „Das war so peinlich, da habe ich erst gedacht, das mach ich nie mehr“, erzählt Melanie immer noch sichtlich empört. Oft werden sie von Schulen als lebendiger Geschichtsunterricht eingeladen, denn ihr Stück handelt von der Behindertenvernichtung im Dritten Reich. „Klar haben wir uns erst mal gefragt: Trauen wir uns das?“, gibt Alexandra zu, „schließlich wollten wir weder Zuschauern noch Schauspielern zu viel zumuten.“ Mit starker Poetik schaffe Regisseur Antonio Viganò aber auf der Bühne Bilder für das Grauen, ohne es nackt und explizit zu zeigen: „Er findet Metaphern.“

Inzwischen haben sie „Spuren der Seele“, das als Kooperation der Bozener Theaterinitiative Theatraki mit dem professionellen Teatro Ribalta und dem Verein Lebenshilfe entstand und von den zweisprachigen Schauspielern in italienischer und in deutscher Fassung geprobt wurde, schon seit mehr als drei Jahren im Repertoire.

Die Rolle geht ihr trotzdem noch manchmal zu nahe, stellt Melanie kritisch fest: „Immerhin spiele ich jemanden, der in dieser Zeit umgebracht wurde. Manchmal versetze ich mich da dann doch total hinein, und dann kommen natürlich die Emotionen hoch.“ Plötzlich ändert sich ihr Gesichtsausdruck abrupt, sie strahlt wieder: „Dann sage ich mir aber immer: Du musst das jetzt von der schauspielerischen Seite sehen. Dann wird mir klar: Jetzt lebe ich, und Hitler ist tot!“

Nicht nur von der Vergangenheit soll ihr Stück allerdings erzählen, betont Alexandra, sondern auch als Kommentar zur Gegenwart verstanden werden, denn die Vorstellung, „lebensunwertes Leben“ vernichten oder gleich verhindern zu wollen, sei leider durchaus wieder präsent.

Ihr wichtigster Anspruch an die eigene Arbeit ist aber, nicht primär als „Behindertentheater“ wahrgenommen zu werden – das spiegelt wider, was auf dem Festival schon oft zu spüren war: „Vor allem wünschen wir uns, dass in der Wahrnehmung die schauspielerischen Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen. Da stellen wir uns dem kritischen Blick und wollen auf gar keinen Fall Mitleidheischen.“