Tag 7 – und alle Fragen offen

Tag 7 auf dem NO-LIMITS-Festival: Mittlerweile habe ich sieben Produktionen gesehen, Vorträge über den Umgang mit Behinderten gehört, Vorträge von Behinderten gehört, Portraits über behinderte Schauspieler angesehen, Künstlergesprächen gelauscht, mit dem Publikum gesprochen und diskutiert, Künstler interviewt, Ausstellungen angesehen, mit Menschen verschiedenster Behinderungen gesprochen. Eben gab’s „Spuren der Seele“ im Ballhaus Ost. Eine italienische Künstlergruppe spielte politisches Dokumentartheater, Thema: Euthanasie im Dritten Reich. Das bringt mein inneres Fragefass zum Überlaufen:

Wie verhält sich unsere Gesellschaft jetzt gegenüber Behinderten? Oder verhält sich unsere Gesellschaft MIT ihnen? Wer ist eigentlich „unsere Gesellschaft“, über die hier so viel diskutiert wird? Würde ein Türsteher eine Gruppe geistig Behinderter in einen Club lassen, meinetwegen mit Betreuer? Gehen Menschen mit Down-Syndrom überhaupt gerne tanzen? Wie viele „gesunde“ Menschen haben behinderte Freunde? Ich habe keine – schließe ich sie unbewusst aus? Oder sind sie so nah am Rand unser Gesellschaft, dass ich ihnen gar nicht begegne? Oder wende ich mich ab? Aktion Sorgenkind heißt jetzt Aktion Mensch – scheinheilig? Wie viele Menschen treiben ab, wenn sie erfahren, dass ihr Kind wahrscheinlich behindert geboren wird? Aus welchen Gründen? Impliziert das nicht eine Wertung? Wie viele Menschen verweigern den Test, ob ihr Kind behindert wird? Was würde ich tun? Gibt es eine Statistik darüber? Sollte es eine Statistik geben? Der bringt mir nichts, weg damit? Leistungsgesellschaft? Egoismus? Survival of the fittest? Wo zieht man die Grenze? Kann man überhaupt eine Grenze ziehen? Sind Behinderte vom Aussterben bedroht? Bedrohen wir behindertes Leben? Aus welchen Gründen? Mit welchem Recht?

Fragen, die eben jetzt aus mir herausplatzen. Fragen, die nicht aufhören wollen. Fragen, auf die ich wenig Antworten habe. Fragen, für die ich zu feige bin. Fragen, die ich nicht beantworten kann. Fragen, für deren Antwort ich mich teilweise schäme. Fragen, die man sich stellen sollte oder Fragen, die an sich schon diskriminierend sind?

2 Kommentare

  1. Anonymous · 19. November 2011

    Gut, dass jemand mal das, was ich mir bei diesem Festival am laufenden Band denke, so deutlich und offen ausspricht. Das beweist viel Mut. Ich schätze die Offenheit, die hier herrscht, nicht alles gut finden zu müssen!

  2. Anonymous · 23. November 2011

    Liebe Frau Birnbaum,ich denke keinesfalls, dass es schon diskriminierend ist, solcherlei Fragen zu stellen. Mir persönlich fallen bei diesem Themenbereich altbekannte Diskurse und Philosophen ein, die sich mit solchen Thematiken auseinandergesetzt haben. Es bezieht sich dabei nicht unbedingt auf Menschen mit Behinderung, sondern von der Gesellschaft generierte und konstruierte Normen. Foucault hat in seinem Werk die Einrichtung von Institutionen geschildert, die alles „Anormale“ aus der Gesellschaft katapultieren. Er erläutert dies für Gefängnisse, Psychiatrien und heute können wir es weiterhin in Heimen, Seniorenzentren, u.Ä. beobachten. Simone de Beauvoir beschrieb in ihrem Werk „Le deuxième sexe“, wie sich die Frau in einer männerdominierten Gesellschaft den Wertmaßstäben stellen müsse. Sie führt an, wie der Mann als das kreierende und essentielle Wesen und die Frau daneben als das „Andere Geschlecht“ existiere. Dabei wiederum beruft sie sich auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und die darin enthaltene „Dialektik von Herr und Knecht“. Diese vergleicht sie in den 40ern mit rassistischen Übergriffen, die Farbige oder Juden erfahren mussten. Es geht also in erster Linie um Normen. Wie werden also Randgruppen betrachtet und bewertet? Dass Sie in ihrem Artikel die Pränataldiagnostik ansprechen und wenige Reihen später den Begriff „Leistungsgesellschaft“ aufwerfen, sollte bei uns nicht nur weitere Fragen eröffnen, sondern auch durchaus unseren Geist anregen und uns motivieren, bei gewissen Normen nicht mehr mitzumachen.