Überlebensprogramm

Überlebensprogramm

In der Ausstellung „Super Belgium“ zeigen drei Künstler auf der RambaZamba-Probebühne ihre Positionen

Stühle von Pascal Tassini © Julia Dettke

Ich gestehe es besser gleich: Ausstellungen sind eigentlich nicht mein Ding, Museen meide ich meist. Sie sind mir suspekt. Denn warum sollte man sich in riesigen Hallen an Wänden befestigte Kunstwerke mit vielen Anderen zusammen angucken, statt gemütlich auf dem Sofa in einem Bildband zu blättern? Das Ganze auch noch im Stehen, stets den argwöhnischen Blick des grimmigen Wachmanns im Nacken?

Bei Kino und Theater verstehe ich das Prinzip, gemeinsames Seherlebnis und so, aber im Museum konkurriert man doch sowieso nur um die beste Sicht auf das Objekt der Schaubegierde, drängt jemanden wie unabsichtlich zur Seite oder schielt auf das Sehverhalten des Nebenmannes: Der liest ja immer nur die Schilder, pfui! All das geschehe bitte schön leise, um bloß keinen Rüffel vom bereits erwähnten Aufpasser zu bekommen.

„Ohne Titel“ von Alain de Meert © Julia Dettke

So weit, so vorurteilsbelastet. Da kommt es mir doch sehr entgegen, dass die Wirklichkeit der Ausstellung „Super Belgium“, die während des Festivals im Probenraum des RambaZamba-Theaters zu sehen ist, damit zum Glück nicht viel zu tun hat. Zwar ist es tatsächlich ziemlich voll, das Gedränge gleicht aber eher einem entspannten Gewusel, das mal hier-, mal dorthin guckt, geleitet von Neugier statt von Betrachtungskonventionen. Und sogar Sitzgelegenheiten gibt es: Über und über mit bunten, verknoteten Stoffen bedeckt sind die drei einladenden Stühle Teil des von Pascal Tassini extra für diese Ausstellung angefertigten „cinéma“. Auf der Leinwand werden durchgehend Kurzfilme gezeigt, die in Zusammenarbeit mit den drei belgischen Künstlern der Ausstellung entstanden sind oder ihre Arbeit innerhalb von Projekten mit geistig behinderten Künstlern dokumentieren. So entsteht ein weiterer Sichtraum innerhalb des Ausstellungsraums, der allerdings weder geschlossen noch abgetrennt ist: Wie der ganze Bereich wirkt er offen, kommunikativ und fast theaterhaft auch in seiner Art, die Gemälde und Comics der beiden anderen Künstler zu zeigen.

Das liegt vielleicht auch daran, dass hier sonst die Proben des Theaters RambaZamba stattfinden, wie mir Wolfgang Josef Lang erzählt, der selbst Mitglied des Ensembles ist. Früher war er Maler, im Atelier des Hauses wurde er vor zehn Jahren fürs Theater entdeckt: „Seitdem haben sie mir immer wieder Rollen gegeben. Die Arbeit als Schauspieler ist weniger einsam, weil man zusammen auf der Bühne steht, das finde ich gut. In der Malerei verliert man sich so leicht.“

Gemälde faszinieren Lang aber immer noch sehr, hier gefallen ihm besonders die großen, bunten Werke Alain Meerts: „Das macht was in einem auf. Diese Harmonie der Arbeiten, dieser Frohsinn. Gerade als Gegenentwurf zur Großstadt ist das sehr zeitgemäß.“

Den Comiczeichnungen von Richard Bawin steht er dagegen zunächst ablehnend gegenüber, er empfindet sie als zu düster. Nachdem wir eine ganze Weile vor ihrem letzten Teil stehengeblieben sind, scheint Lang jedoch berührt und stellt nachdenklich fest, es seien „Collagen als Überlebensprogramm – es ist aber schließlich doch ein Lebensgeschehen ohne Happy End.“

„Full Coeur de Lyon“ von Richard Bawin © Julia Dettke

Später werde ich vom Kurator der Ausstellung, Marcel Bugiel, erfahren, dass Bawins Arbeit bei einem Workshop in Belgien entstanden ist, bei dem zehn professionelle Comiczeichner mit zehn Künstlern mit geistiger Behinderung jeweils im „gemischtem Doppel“ zusammenarbeiteten. Die teils verwirrenden Superheldenmotive sind, so Bugiel, auf Bawins Begeisterung für Jean-Claude van Damme zurückzuführen, dem er mit dem Comic in etlichen Anspielungen eine Hommage erweist. Inspirationsquelle der Gemälde van Meerts hingegen sind die alten flämischen Meister, daher die Landschaften, die Lang als so harmonisch empfunden hatte.

Es ist eine vollkommen andere Sicht auf die Arbeiten, die ich beim zweiten Rundgang nun erhalte: sehr kundig, genau und gut ausgestattet mit viel Hintergrundwissen, aber auch weniger frei, nicht so verspielt und einfallsreich wie der erste Zugang. Nicht besser, nicht schlechter. Anders.

Womit wir auch wieder beim inoffiziellen zweiten Leitmotiv des Festivals „No Limits“ angelangt wären, das sich in den Aufführungen und Gesprächen der letzten Tage herauskristallisiert hat: Differenz. Diese Ausstellung ist nicht einfach beliebig „grenzenlos“: Sie stellt auch Differenz dar, ohne sie dabei auszuschließen oder zu verordnen.

Für welche der beiden Wahrnehmungen man sich auch entscheiden mag: Beide sind allemal einen Blick wert.

Mehr zur Ausstellung? Janina Henkes schrieb ein Schlaglicht vom Ausstellungs-Aufbau.