Wir sind alle behindert!

Eindrücke vom Panel „Professionalität und Ausbildung“ beim „Neoprofis“-Symposium

Frühsport vorm Vortragsmarathon © Juli Zucker

40 Menschen, die auf der Stelle hüpfen und ihre Arme dabei nach vorne und hinten kreisen lassen: So beginnt der zweite Tag des „Neoprofis“-Symposiums. Mit ein paar Gymnastikübungen rütteln Gisela Höhne, künstlerische Leiterin des RambaZamba-Theaters, und Juliana Götze, die dort Schauspielerin ist, die Zuschauer und -hörer wach. Nach „Schauspiel und Kompetenz“ gestern wird heute „Professionalität und Ausbildung“ erörtert. Videoeinblendungen stellen Götzes erste Auftritte mit darauf folgenden gegenüber – der Fortschritt ist bemerkenswert. Neben einigen RambaZamba-Produktionen ist die 26-jährige mittlerweile auch bei Film- und Fernsehproduktionen vertreten, zum Beispiel beim Polizeiruf 110.

Petra Stokar, Susanne Schneider © Juli Zucker

Später fokussiert eine Diskussionsrunde auf die Ausbildung von Schauspielern. Wo sind die fehlenden Ausbildungs- oder Studienplätze für Menschen mit Behinderung? Die körperlich behinderte Petra Stokar etwa wurde in ihrem Geburtsland Holland wegen ihres Rollstuhls zu keinem künstlerischen Studiengang zugelassen. Daraufhin wurde sie aktiv: Sie gründete eine Stiftung, um geistig und körperlich behinderten Menschen künstlerische Workshops anzubieten. Zum Beispiel forderte sie Teilnehmer mit Down-Syndrom dazu auf, Bühnenbilder zu gestalten. Womit? Mit ihren Träumen.

Margarete Schuler, Peter Jungkuhn, Veit Sprenger,
Gisela Höhne, Georg Kasch © Juli Zucker

Stokar war glücklich, als sie bei ihrem Studium in England endlich gefragt wurde: „Was ist die Kraft, die in deinem Körper steckt?“ Susanne Schneider, Tanzpädagogin und Choreografin aus Bern, kritisiert, Menschen mit Behinderung müssten erst mal auf die Idee kommen, sich zu bewerben und gibt zu denken: „Momentan sehe ich nicht, daß der Markt vorhanden ist.“ Magarete Schuler, Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, sieht das ähnlich: „Wir sagen nicht, wir hätten genau einen Platz für einen Behinderten. In all den Jahren hatten wir allerdings noch nie einen Bewerber.“ Einer ihrer Kollegen musste erfahren, dass Barrierefreiheit leichter buchstabiert als praktiziert wird: Er verletzte sich am Fuß und konnte acht Wochen nicht an den Proben teilnehmen – weil es keinen Aufzug gibt. Peter Jungkuhn, Schauspieler-Vermittler bei der Arbeitsagentur, wird am leichtesten junge Männer mit Heldeneignung los, ungefähr 1,80 Meter groß und von schönem Aussehen: „Wir haben ja schon Probleme mit Schwarzen. Die spielen nur die Schwarzen. Es ist nicht easy.“

Muss jemand mit Down-Syndrom jemanden mit Down-Syndrom spielen, ein Behinderter einen Behinderten? Veit Sprenger, der sich als Absolvent der Uni Gießen nach eigener Aussage zum Ladenhüter ausbilden ließ, bringt es schließlich auf den Punkt. „Ich bin auch kein Dirk Nowitzki und im Vergleich mit ihm sicherlich behindert, was das Basketball spielen angeht. Trotzdem mach ich es und die Leute lachen. Wir sind alle behindert!“