Zusammen allein

Zusammen allein

„Geen wonder dat ik ween“ vom Theater Stap & Kaaiman im Ballhaus Ost

Menschen kauern allein in übereinander gestapelten Holzkisten. Wohnhäuser, deren Fassade abgerissen worden ist: Ein Einblick hinter sonst verschlossene Türen. Jeder hat sein Kämmerlein. Eine junge Frau klettert hinaus, geht zu den anderen, von Kiste zu Kiste, will sie berühren, wird weggestoßen. Sie weint, schreit, welzt sich auf dem Boden. „Ich bin einsam“, schallt es irgendwannin dem Stück aus den Lautsprechern.Behinderte und Nicht-Behinderte gemischt? Man sieht es nicht so genau, ich weiß es nicht und das erste mal während des NO LIMITS Festivals ist es auch egal. „Kein Wunder, dass ich weine“ handelt von Einsamkeit – ein Gefühl, das unsere Gesellschaft verbindet. Theater Stap und Kaaiman haben es geschafft, dass man nicht Behinderte auf der Bühne sieht, sondern einsame Menschen. Dass man sich nicht Mühe gibt, das Stück gut finden zu wollen, sondern dass es nicht möglich ist, es nicht toll zu finden: Einfühlsam inszeniert, beeindruckend natürlich gespielt und mit einer Musikauswahl, die die Atmosphäre nicht nur unterstreicht, sondern maßgeblich beeinflusst.

„Geen wonder dat ik ween“ © Michael Bause

Techno schallte aus den Lautsprechern, das Ensemble tanzt hart, abgehackt, jeder für sich. Es könnte das Berghain sein oder jeder andere Techno-Schuppen. Ein Mädchen mit Down-Syndrom, aber das tut eigentlich nichts zur Sache, wird von einem Mann auf der Mitte der Bühne gefickt, vergewaltigt. Er geht. Das harte grelle Licht wechselt ins warme, die anderen Mädchen kommen zu ihr, ziehen sie aus, waschen sie liebevoll, trocknen sie ab. Eine unglaubliche Geborgenheit vertrömt diese Szene, ruft Erinnerungen wach: Mutter oder Vater trocknen einen als Kind ab, waschen einen – warm und wohlig.

Einer tritt vor, wirft einen Zettel hin, beginnt zu singen. Ein zweiter tritt dazu, wirft einen Zettel hin, singt. Ein dritter wirft einen Zettel hin, besingt seinen Liebeskummer: „Siehst du nicht mein
Unglück?“– und das Berliner Publikum des Ballhaus Ost stimmt ein.

Mehr zu „Geen wonder, dat ik ween“? Juli Zucker hat eine etwas andere Sicht der Dinge.